15.06.2014

Schon mal von blühenden Blitzableitern gehört?

Sicher ist dem einen oder anderen bekannt, dass der Bostoner Buchdrucker und Schriftsteller Benjamin Franklin am 15. Juni 1752, also vor genau 262 Jahren, den ersten Blitzableiter erfand. Aber wer hat schon einmal von natürlich blühenden Blitzableitern gehört?

Im mediävalen Volksglauben zählte der Hauswurz (Sempervivum tectorum) zu jenen Pflanzen, die Haus und Hof vor Blitzeinschlägen schützten. Der Glaube war so ausgeprägt, das selbst Karl der Große in seiner Landgüterverordnung jedem Bauern befahl, die Hauswurz aufs Dach zu pflanzen. Die Hauswurz war allerdings nicht nur als Blitzableiter dienlich, sondern sie hielt auch Stroh- und Reetdächer sowie Mauerkronen zusammen.
Ihr botanischer Name zusammengesetzt aus den lateinischen Worten “semper” (immer), ” vivere” (leben) und “tectus” (Dach), bedeutet “Pflanze, die immer lebt und auf den Dächern wächst. Ein unverwüstliches und äußerst genügsames Gewächs, das dort ausharrt, wo kaum eine andere Pflanze besteht. Sie kommt mit sehr wenig Wasser und Nährstoffen aus, erträgt Hitze, Trockenheit und Kälte problemlos und behält auch im Winter ihre Blätter.

Sie galt zudem als ein Heilgewächs gegen zahlreiche Krankheiten. Pfarrer Kneipp empfahl die Dach-Hauswurz schon damals bei Magengeschwüren, Übelkeit und zur Blutreinigung als Tee einzunehmen. Der frisch gepresste Saft der Blätter ist auch heute noch bekannt für eine kühlende, schmerzstillende, entzündungshemmende und wundheilende Wirkung. Er enthält viele Mineralien, Ameisen- und Apfelsäure sowie Pflanzenschleim und Gerbstoffe.

Die heutige Naturwissenschaft untersuchte das blitzableitende Phänomen der Hauswurz und fand heraus, dass jedes zugespitzte Blatt ein sehr guter Stromleiter ist und damit einen elektrischen Spannungsausgleich zwischen dem Haus und der Luft fördern kann. Häuser mit solch einer Bepflanzung werden demnach durchaus von elektrischen Entladungen durch Gewitter heimgesucht, aber bauen keine extremen Spannungsgefälle auf, die dann zum Blitzschlag führen. Ein paar hundert Hauswurzen auf dem Dach sind so gesehen lauter natürliche Blitzableiter.
Wer sich mal genauer umschaut, wird feststellen können, dass sich diese Pflanzen auch heute noch vielfach auf Bauernhöfen und Almhütten finden lassen. Und so bildet die Hauswurz schon seit Jahrtausenden dichte Polster auf Mauerpfosten, Dächern, Torbögen und Scheunen.